Gutbürgerlicher Einzelhandel Part I $ long Version $

Der letzte Donnerstag war mal wieder so ein Tag, wo ich aufwachte und direkt wusste: heute machst du mal einfach nur das, worauf du Bock hast!

Ich bin ja gnadenloser Verfechter der 4-Tage-Woche und deswegen gehören so Tage einfach zu meinem Lifestyle dazu wie der morgendliche Kaffee (schwarz und ohne Zucker).

Das Wetter war nicht so berauschend und deshalb bin ich lieber nicht auf altbekannte Einkaufsstraßen, sondern ins Frankfurter Hessencenter gefahren. Bei der Gelegenheit wollte ich mir natürlich auch mal den neu eröffneten TK Maxx angucken da ich -sagen wir mal .. geteilte Meinungen gehört habe.

Das amerikanische Off-Price Unternehmen wirbt damit, Top-Marken und Designer Labels bis zu 60% günstiger (bezogen auf den UVP) zu verkaufen. Das Aufkaufen von Überschuss- und Saisonware und Restposten, sowie die Tatsache, dass es keine Lager gibt sondern die Ware direkt in den Filialen landet, (nach dem Motto „Was weg ist, ist weg!“) machen die Preise möglich.

Böse Zungen behaupten auch mal gerne, der TK Maxx sei so etwas wie der Kik des Bürgertums.

Ah, da ist doch wiedermal mein Stichwort!

Ein gutbürgerlicher Kik klingt jetzt zwar nicht soo verlockend, aber das muss ich als Vertreter der nachhaltigen Bourgeoisie trotzdem testen. Und drin war ich.

..und hab erstmal blöd geguckt. Ich werde förmlich vom Warenangebot erschlagen. Übersichtlichkeit ist wahrlich nicht die Stärke des Ladens aber von Weitem kann ich den Begriff „Strick“ lesen und bahne mir einen Weg durch die Gänge. Man muss hierbei ganz schön aufpassen, dass einem die im-Shoppingwahn-befindlichen Mitbürger nicht mit ihren TK-Maxx Einkaufstrolleys umfahren. Obacht Omi, meine Schuhe sind neu!!!

Endlich bei den Strickwarenständern angekommen begreife ich, dass ich hier nicht drumherum kommen werde, mich so richtig durch die Kleidung zu wühlen. Alles ist press-an-press aneinandergequetscht aufgehängt und auch nicht nach Farben sortiert, wohl aber nach Größe.

Mich interessieren natürlich am meisten die „Made in“-Schildchen, die Materialzusammensetzungen und die Designer.

Mir fällt direkt auf, dass ich eigentlich keine der Marken kenne. Das einzig wirklich hochpreisige war ein Shirt von Dorothee Schumacher (?), ansonsten sieht man eher Unbekanntes, ein paar Benetton Teile oder auch günstige Marken wie Only.

Mir springt recht schnell ein Cardigan, der aussieht wie Tante Käddas alte handgeklöppelte Sofadecke, ins Auge.

„Chiaramente- made in Italy“ steht drin. Aha. Na warum nicht. 29,99 € soll das gute Stück kosten und fühlt sich auch gut an.

Kombiniert mit diesem schwarzen, hochgeschlossenen Shirt, einer engen schwarzen Jeans und meinen 11cm hohen Schuhen seh ich in der Umkleide SOWAS VON BOURGEOIS aus, schreiiiieeee, das ist ja fast schon aristokratisch! Ich muss den Cardigan einfach nehmen.

Auf dem Weg zur Kasse versuche ich nochmal die Marke zu googlen, aber finde nicht wirklich was. Mir erscheint es nicht so, als gäbe es diese Marke wirklich. Also doch was handgeklöppeltes von Tante Kädda? Oder ihrem italienischen Pendant, Mama Giovanna?

Mein Weg kreuzt nochmal die Lederabteilung. Wer meine anderen Einträge gelesen hat, weiß ja über meinen Lederfetisch Bescheid. Ich muss also erstmal einen ganz hübsch aussehenden Gürtel nehmen und daran riechen. Hmmmm…. in Gedanken stelle ich mir vor, wie ich meinem Freund hiermit den Hintern versohlen könnte. KLATSCH!! Aber halt.. der Gürtel ist Made in India. Und tschüss.. !

Weiter geht’s im gutbürgerlichen Shoppingrausch.

Zuallererst noch ein Hinweis: Ich habe KEINE Geschäfte mit irgendwelchen Marken am laufen.

Einer meiner Lieblingsläden für Basics ist ja der Hallhuber, der wiederum zum deutschen Gerry Weber Konzern gehört. Hier kann man sich das epaper des Nachhaltigkeitsberichts durchlesen.

Demnach handelt der Konzern nach dem Verhaltenskodex der BSCI und setzt sich u.a. für Arbeits- und Umweltschutz, angemessene Vergütung, zumutbare Arbeitszeiten und gegen Kinderarbeit ein.

Überprüft wird die Einhaltung durch Audits vor Ort, von denen im Geschäftsjahr 2014/15 insgesamt 52 stattgefunden haben und nochmal 38 Re-Audits aufgrund von Mängeln durchgeführt werden mussten. Neuere Nachhaltigkeitsberichte sind leider noch nicht öffentlich, aber ich denke, an den Zahlen kann man sich orientieren.

Kurzum, man weiß nie, wie die Situation vor Ort tatsächlich aussieht wenn man nicht selbst dort war, aber es ist dem Konzern wenigst nicht scheißegal, was mit seinen Arbeitern in den ärmeren Ländern geschieht.

Bedeutet auch: Man kann bei mittelpreisiger und teurer Kleidung nicht automatisch davon ausgehen, dass die Fabrikarbeiter besser behandelt und entlohnt werden. Ebenso gut kann es sein, dass man nur den Namen und/ oder die bessere Qualität bezahlt. Bei Tops für 4,99 Euro sind angemessene Arbeitsbedingungen aufgrund der sowieso schon niedrigen Gewinnspanne aber erst recht ausgeschlossen.

Zurück zu Hallhuber: So ein typischer Hallhuber Store sieht halt auch schon toll aus. Alles ist nach Konzept geordnet, die Kleiderständer sind eher minimalistisch bestückt und man findet immer eine nett lächelnde Verkäuferin, die einen beraten will.

Bin dann mit diesem geilen Samtoberteil in rosé „Made in Turkey“ rausgegangen und habe sogar noch einen Nagellack von Sally Hansen in derselben Farbe geschenkt bekommen 😀

So das reicht, ich kaufe ja sowieso lieber Qualität statt Quantität.

Wieder zu Hause angekommen, habe ich dann noch ein bisschen bezüglich der Produktionsländer recherchiert und dabei herausgefunden, dass China und Konsorten als Produktionsländer langsam viel zu teuer werden.  Äthiopien avanciert mit Monatslöhnen von unschlagbaren 50 Euro quasi zum neuen Bangladesch und die Chinesen und Türken sind als Investoren bereits am Start.

Muss man nun also eher „Made in Ethiopia“ meiden, wenn man gegen Ausbeutung und für Nachhaltigkeit ist? Anscheinend schon! Mir ist nur noch nie ein solches Etikett begegnet! Wahrscheinlich kaufe ich einfach in den „falschen“ Läden ein. Oder Äthiopien ist noch ein echter „Geheimtipp“!

Selbst mein neuer Cardigan könnte trotz „Made in Italy“ Versprechen von chinesischen Arbeitern zu Hungerlöhnen hergestellt worden sein. Wer denkt, „Made in Italy“ stünde für alte italienische Handwerkskunst, der hat nämlich noch nie von dem toskanischen Städtchen Prato gehört!

Einst ein Aushängeschild für italienische Textilwaren, ist die Wirtschaft dort nun fest in chinesischer Hand und es wird pausenlos mit chinesischen Stoffen und zu chinesischen Löhnen produziert.

Nachvollziehbar ist das allles kaum, denn welcher Verbraucher schreibt schon ein italienisches Modelabel an und fragt, ain welcher Stadt deren Ware produziert wird? In Zeiten der Auftragserteilung an Subunternehmen wüssten sie das möglicherweise selbst nicht mit 100%iger Sicherheit..

Außerdem ist ja auch mittlerweile bekannt, dass das „Made in“ Schild auch aufgebracht werden darf, wenn lediglich der letzte Produktionsschritt in genanntem Land erfolgt ist.

Auch am südöstlichen Rande Europas (Rumänien, Bulgarien, Türkei) herrschen teilweise prekäre Arbeitsbedingungen, wenn man sich den weiter oben Nachhaltigkeitsbericht von Gerry Weber durchliest. Nicht umsonst folgten beispielsweise in der Türkei dermaßen viele Re-Audits aufgrund von Mängeln.

Ich sags deswegen gerne nochmal: QUALITÄT STAT QUANTITÄT KAUFEN. Lieber 2 qualitativ hochwertige Oberteile von Marken kaufen, denen man aufgrund von Nachhaltigkeitsinitiativen halbwegs vertrauen kann anstelle von wahllosem Kaufrausch.

Wenn man nicht gerade nur Fair Trade- Kleidung kauft, kann man sich nie zu 100% sicher sein, dass man wirklich nachhaltig eingekauft hat. Kleidung bewusster, länger als nur eine Saison tragen und zumindest bestimmte Herkunftsländer meiden, dann ist schon einiges gewonnen, ohne dass man sich selbst besonders einschränken muss.

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